Die Ameise und die Grille ...
oder
...dieses Jahr wird bezaubert und nicht beschenkt

Als wir für den neuen Shop gerade das “Geschenkvorschlagsmenü”  (Sie kennen das: “Geschenke für ihn”, Geschenke für Sie”, “Geschenke für die Mama”, “Geschenke für den Hund” …) basteln wollten, ist uns  ziemlich schnell klar geworden, dass Ihnen das vielleicht beim Schenken hilft, wir Ihnen damit aber tatsächlich einen ziemlichen Bärendienst* erweisen…

Und wenn wir schon mal im Tierreich sind: Friedrich von Hagedorn hat es schon vor gut 200 Jahren in seiner Fabel “Die Ameise und die Grille” auf den Punkt gebracht. Probieren Sie es dieses Jahr doch mal mit einem “Geschenke-Tipp” aus dem Barock , der aktueller ist denn je…

Zwei einzigartige Geschöpfe, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, teilen sich einen Lebensraum. Auf der einen Seite die fleißige Ameise. Sie ist eine Meisterin der Organisation, sie liebt es, wenn alles ordentlich ist und ist stets für alle Eventualitäten gewappnet. Auf der anderen Seite die unbekümmerte Grille. Sie ist ein Unterhaltungstalent, sie liebt es zu musizieren und weiß für jede düstere Stimmung eine aufmunternde Geschichte.
Die beiden Tiere kennen sich, doch halten sie nicht viel voneinander. Sie haben kein Verständnis für den Lebensstil der anderen und haben auch überhaupt keine Lust, sich mit der gänzlich verschiedenen Lebenswelt auseinanderzusetzen. So beäugen sie sich abschätzig, wenn sie sich nicht ignorieren.
Die Ameise ist ruhelos, arbeitet ohne Unterlass an ihren Vorräten für den Winter und kämpft stets um Perfektion. Die Grille zieht durch die Welt, tanzt, singt und verschwendet keinen Gedanken an die Zukunft. Sie genießt das Hier und Jetzt. Selbst als die Tage kürzer werden und das Laub der Bäume in den warmen Farben des Herbstes im kälter werdenden Wind zu tanzen beginnt, ändern die beiden Tiere ihr Verhalten nicht. Die Grille singt, die Ameise hortet Futter. Als es Winter wird, ist die Ameise mit sich zufrieden. Sie hat einen ausreichenden Vorrat angelegt und erlaubt sich nun auch endlich ein wenig Entspannung.
Eines Abends, als der Wind bitterkalt über die Landschaft fegt, klopft es leise an die Tür der Ameise. Zaghaft öffnet sie. Auf der Schwelle steht die Grille, bibbernd vor Kälte und vom Schnee durchnässt.
Sie bittet die Ameise, ihr zu helfen. Die Ameise zögert. Eigentlich kann sie die Grille nicht ausstehen. Aber geht das so weit, dass sie das Tier erfrieren lässt? Schließlich öffnet sie die Tür. Langsam und steif tritt die Grille ein. Von dem beschwingten Schritt des Sommers, der fast aussah, wie ein Tanz, ist nichts übrig geblieben.
Doch die Ameise hat kein Mitleid. Die Grille ist selbst schuld. Das ganze Jahr hatte sie Zeit, für den Winter vorzusorgen, aber sie ist lieber durch die Gegend getanzt und war faul. Dass es ihr jetzt so schlecht geht, ist die Quittung für ihr verantwortungsloses Verhalten.
Die Grille erschrickt. Was sagt die Ameise denn da? Sie war doch nicht untätig. Tag ein, Tag aus hat sich die Grille um die anderen Tiere gekümmert. Sie hat für sie gesungen und getanzt, hat gute Laune verbreitet und all die finsteren Gedanken, Ängste und Sorgen mit ihrer Musik vertrieben.
Die Grille bietet an, den Winter bei der Ameise zu bleiben, für sie zu musizieren und ihr die dunkle Jahreszeit um ein Vielfaches bunter zu machen. Im Gegenzug wäre es schön, wenn die Ameise ihre Vorräte mit der Grille teilt. Denn zugegeben, in diesem Punkt kann die Grille noch was von der gewissenhaften Ameise lernen.

Kann die Ameise diesen ungewöhnlichen Vorschlag annehmen? Würde sie ihr Futter teilen, wenn sie dafür nicht einsam sein müsste? Wenn jemand in der dunklen Zeit bei ihr wäre, mit dem sie sich unterhalten könnte?
So unterschiedlich die Ameise und die Grille in ihrem Charakter auch sind, es gibt eine Gemeinsamkeit: sie haben beide Schwächen und wünschen sich, dass die anderen Tiere diese einfach akzeptieren. Dass sie für das geliebt werden, was sie sind. Die Ameise für ihr Organisationstalent, die Grille für ihre Gabe, andere zum Lachen zu bringen. Sie beide können nicht aus ihrer Haut. Sie sind, wer sie sind. Und dafür möchten sie sich nicht schämen müssen, das wollen sie nicht verstecken und dafür wollen sie gemocht werden.
Die beiden Tiere sind sich einig. Jede kann von dem so unterschiedlichen Charakter der anderen lernen und profitieren. Seite an Seite bilden sie ein gutes Gleichgewicht, solange sie die Eigenheiten der anderen akzeptieren und nicht ändern wollen. Die Ameise willigt ein und die beiden Gegensätze ziehen sich letztlich doch an und sind gemeinsam stark in diesem Winter.

Anders zu sein, bedeutet nicht, schlechter zu sein. Dinge anders zu machen, bedeutet nicht, sie falsch zu machen. Dies ist auch ein wunderbarer Leitsatz, wenn es um das richtige Geschenk geht. Die Kunst des Schenkens liegt darin, sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen und seinen eigenen Geschmack außen vor zu lassen. Mit einem Präsent will man die Augen des Gegenübers zum Leuchten bringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da darf es auch mal ein pinkfarbener Badezimmervorleger oder eine Tasse mit Schmatz-Geräuschen sein. Wer sich beim Kauf im Geschäft nicht erwischen lassen will, kann heutzutage ja fast alles online erwerben …
Umerziehen kann jeder – sich auf Ungewohntes einlassen ist eine Herausforderung mit oft unerwartetem Happy End.

Die Welt lebt von der Vielfalt der Menschen. Lassen wir uns von Unterschieden bereichern und inspirieren, anstatt alles, was etwas anders ist, gleich abzulehnen. Neue Erfahrungen eröffnen oft neue Blickwinkel auf alte Probleme. Offenen Herzens im Leben voranzugehen, mit Respekt und Bewunderung für sein Gegenüber, bereichert uns alle.

Menschen kann man in den seltensten Fällen ändern. Und muss das überhaupt sein? Sie anzunehmen, wie sie sind, sie zu lieben und ihnen zu zeigen, dass sie einzigartig und gerade deswegen so wundervoll sind, ist ein Geschenk, das nichts außer ein wenig Überwindung kostet.

In diesem Sinne: Sind Ihnen die Menschen, für die Sie Verlegenheitsgeschenke kaufen, wirklich so gleichgültig wie Ihre Präsente das vermuten lassen? Schenken Sie doch einmal, was Sie sich nie selbst kaufen würden, womit Sie Ihrem Gegenüber aber ein besonderes Strahlen auf’s Gesicht zaubern. Schokolade kaufen kann jeder – über seinen Schatten springen, auf Herz und Bauch hören und mit Geschenken wirklich bezaubern, braucht manchmal ein wenig Mut. 

 

*Bärendienst: eine Tat/Handlung, die aus einer guten Absicht heraus entsteht, aber schlechte Folgen hat

Bauchgefühl oder Winterschlaf?

In unserer nächsten Ausgabe verraten wir Ihnen, was das eine mit dem anderen zu tun hat
und warum schlaflose Nächte unser ganzes Weltbild verändern können …